Kegel, Knüpfer, Keramik, Kochkurs – Zwei Tage Kappadokien

August 1985

Die Route ist sorgfältig geplant. Sie wissen, wie viele Kilometer sie an einem Tag schaffen müssen. Und wo der nächste Ort liegt, der auf der Karte groß genug erscheint, um dort eine Herberge vorzufinden. In Antalya mieten sie ein Auto. Wie schon im Jahr zuvor. Passieren Side, Manavgat, Alanya, Anamur. Besuchen das vermeintliche Geburtshaus von Paulus in Tarsus. Durch die kilikische Pforte geht es ins Landesinnere. Wuchtige Laster brausen an ihrem Kleinwagen vorbei. Die Luft riecht nach Sommerferien und Abenteuer. Nach einer Nacht in Niğde fahren sie durch bis Ürgüp. Der erste Blick auf die Tuffsteingebilde Kappadokiens brennt sich in ihr Gedächtnis wie die Sonne in die Grashalme der Kärge.

In den folgenden Jahren

verändert sich vieles, nicht aber die Erinnerung an jenen Sommer. An das dreckige Orangebeige der Mondlandschaft. An die Steinformationen, die wie Pilzköpfe aus dem Boden sprießen. An ihre Faszination und den Gedanken, eines Tages nochmal wiederkommen zu müssen.

Im März 2016

sitzt sie mit ihrem Reiseführer von damals in einem Höhlenzimmer in Göreme. „Da war ich schon. Und da und da und da“, sagt sie, während ihr Finger auf der Türkeikarte über Orte am schwarzen Meer wandert, an der türkisch-iranischen Grenze, in Anatolien, im Süden, Osten, Westen. Und ich bin ganz neidisch auf meine Mama. Dass ich Turkologin bin und Istanbul nicht nur viel lieber habe sondern auch viel besser kenne als jede andere Stadt, erzähle ich oft und gerne. Wie wenig ich bislang jedoch vom Rest der Türkei gesehen habe, ist beschämend. Nach dieser Reise schon ein Wenig weniger. Mama und ich auf Abenteuersuche. So wie Papa und sie in den Achtzigern.

Zum Auftakt verbringen wir zwei Tage in Kappadokien und erleben dabei zwei Jahreszeiten. Erst sitzen wir in der Frühlingssonne unter zartrosa blühenden Mandelbäumen…

…keine 24 Stunden später fegen wir den Schnee von unserer Terrasse. Wir rutschen auf unbefestigten Wanderwegen umher, bekommen Sonderführungen in Handwerksbetrieben, lernen die anatolische Küche an einem Höhlenherd kennen. Vieles ist heute anders, sagt Mama. Die Infrastruktur natürlich, die Auswahl an Unterkünften und Lokalen. Nur dass wir auch 31 Jahre später beinahe so einsam reisen wie meine Eltern 1985. Trotz der Osterfeiertage. Die Vorsicht der Massen überwiegt, die Touristenpfade bleiben überschaubar. Für die, die es doch wagen möchten nach Kappadokien zu fahren, sind hier unsere Reisetipps:

 

1. In der Höhle schlafen

Das familiengeführte Aydinli Cave House zieht sich an einer Felswand der kappadokischen Kleinstadt Göreme empor. Alle Zimmer sind in den Tuff geschlagen und individuell eingerichtet. An den Wänden erkennt man, wie sich die verschiedenen Gesteinsschichten farblich voneinander absetzen. Möbel aus dunklem Holz und schwarzem Eisen, goldene Armaturen und geschmackvolle Teppiche machen die Räume fast zu gemütlich, um an einem kalten Tag nach draußen gehen zu wollen. Das morgendliche Buffet auf der Terrasse on top ist so vielfältig wie die Frühstücksgewohnheiten zwischen Großbritannien und Süditalien, das Gastgeberehepaar sehr hilfsbereit. In dem Zimmer mit der Nummer 9 ist Familienoberhaupt Mustafa geboren.

 

2. Mit dem privaten Reiseleiter durch die Tuffsteintäler

„Auf gar keinen Fall“, ist mein erster Gedanke, als ein weiterer Mustafa, nämlich Mustafa Çiftci, uns mit seinem zerfledderten Kappadokien-Bildband entgegenkommt und zu einer Privattour in seinem Taxi zu überreden versucht. „Klingt doch toll“, meint Mama und schon sind wir on the road. Die heruntergehandelten 35 Euro sind es Wert. Mustafa fährt so lange, bis er uns alles gezeigt hat, das ihm wichtig scheint. Als Reiseleiter zu arbeiten ist seine Berufung, sagt er. Eine staatliche Lizenz hat er aber nicht. Darum versucht er auf inoffiziellem Weg, nämlich über das Taxifahren, sein regionales Wissen mit Kappadokien-Besuchern zu teilen. Und seine Mitfahrer teilt Mustafa wiederum an seinem Wohnort Avanos mit der lokalen Teppich- und Keramikindustrie.

Im Laden der Werkstatt von Güray Seramik hängt nicht nur der angeblich größte Keramikteller der Türkei, es gibt neben einer Abteilung mit Unikaten auch einen riesigen Bereich mit erschwinglicher, bunt verzierter Alltagskeramik. Zum Kauf gezwungen wird hier niemand. Ebenso wenig in der staatlich geförderten Teppichknüpferei von Avanos. Im Foyer empfängt uns Ertuğrul Akburak. Er hat viele Jahre in Franken gelebt und kann nicht nur schön erzählen, sondern weiß auch so einiges – von der Verarbeitung der flauschigen, weißen Seidenraupenpuppe hin zu Ausbildung und Arbeitsbedingungen der Knüpferinnen. Im Showroom hinter den museumsartig, mit Knüpfwerk verhangenen Fluren lässt er Teppiche in allen Dimensionen, Farben und Mustern für uns ausrollen. Welchen Läufer sich Angela Merkel bei so einem Besuch angeschafft haben soll, wissen wir jetzt auch. Und auf welche Probleme eine Knüpferin bei ihrer da Vinci-Vorlage gestoßen ist, steckt in dieser Bildergalerie.

Meine Lektion nach der Rundfahrt mit Mustafa: Skepsis ist gut. Einfach mal machen kann noch viel besser sein! Mustafa hat seinen Führerschein definitiv nicht im Lotto gewonnen und wartet geduldig (auch mal auf dem zurückgelehnten Fahrersitz schlafend) auf seine Gäste, solange die sich nur von seiner Begeisterung für die Umgebung anstecken lassen.

Und so ist Mustafa zu erreichen: +90 532 4961839

 

3. Schmeckt fast wie in Anatolien

Was tun bei Schnee und Kälte? In die Höhle kuscheln, ins Hamam gehen – oder einfach mal für zehn Leute kochen. Gülsüm lädt uns in die Felsenküche ihrer Eltern ein und zeigt uns, wie es geht. Die Familie führt seit 2005 das kleine Café Şafak in Göreme, in dem es laut der Bewertungen auf tripadvisor eine hervorragende Linsensuppe gibt. Ein Glück also, dass auch die Vorspeise unseres Menüs eine Mercimek Çorbası ist. Beim Schnippeln, Rühren und Würzen erwärmt sich die kühle Höhle ein bisschen. Schmelzwasser rinnt durch das Dach und tropft mit lauten, blechernen Plops von der Decke in einen Topf. Und auch Gülsüm taut mit jeder geschnittenen Zwiebel etwas mehr auf, erzählt von ihrer frühen Familiengründung und dem Leben, das sie so gerne gegen mehr Selbstbestimmung und Verwirklichung eintauschen würde.

 

Der Hauptgang: İmam bayıldı. Der (vor Genuss) ausgeknockte Imam. Oder auch: mit Fleisch gefüllte Aubergine. Dazu Reis, den niemand so vollmundig hinbekommt, wie die türkischen Topfmeister. Das Geheimrezept? Eine Hand voll griechischer Nudeln, Sternchen oder Buchstaben in Öl anbraten bis sie braun sind. Dann eine Tasse Reis und 250g Butter dazugeben bis die Butter geschmolzen ist. Mit einer Prise Salz und Zucker sowie zwei Tassen Gemüsebrühe aufgießen und die Flüssigkeit auf niedriger Flamme verdampfen lassen.

Seit Gülsüm ihre Mutter bei den Kochevents für Touristen abgelöst hat, lernt sie Menschen aus der ganzen Welt kennen. Besonders schön findet sie dabei, wie die ausländischen Väter mit ihren Kindern umgehen, sagt sie. Dabei blickt sie angestrengt auf die vom Fritteusebad weich gewordenen Auberginen, die sie mit zwei Gabeln in der Mitte auseinanderklappt. Mama füllt das angedünstete Hack in die Schiffchen, ich übernehme den anspruchsvollen Part der Dekoration mit Petersilienblättern, Kirschtomatenhälften und Paprikaringen. „Wenn der Urlaub vorbei ist, sieht der Alltag bei denen bestimmt auch wieder ganz anders aus.“, sage ich und Gülsüm zuckt mit den Schultern.

 

Üzüm üzüme baka baka kararır.

Das Sprichwort mit den Weintrauben hat mir Papa schon beigebracht bevor ich zum ersten Mal einen Fuß auf türkischen Boden gesetzt habe. Gülsüms Familie ist im Besitz eines Weinbergs. Die Blätter der hellen Trauben sammelt ihre Tante bei der Lese gleich mit ein und steckt sie in leere Plastikflaschen. So halten sie sich lange frisch. Als wir sie mit Reis füllen möchten, schneidet Gülsüm den Flaschenkopf ab und faltet die Blätter wieder auseinander. Ein paar Minuten lang schwimmen sie im warmen Wasserbad, dann beginnt das Weinblatt-Origami. Und am Ende sind unsere yaprak sarma schon fast so schön wie die unserer Lehrerin.

 

Tatlı yiyelim tatlı konuşalım.

Als ich die Zutatenliste für den Nachtisch durchgehe, fehlt es mir an Vorstellungskraft, wie daraus etwas Leckeres werden soll:

  • 1 Tasse Speiseöl
  • 1 1/2 Tassen Mehl
  • 1/2 Tasse Pekmez (Weintraubensirup)
  • 1/2 Tasse Zucker
  • 1 Tasse Milch

Das Ergebnis heißt Aside und ist eine Mischung aus Kuchen und Pudding, unwiderstehlich besonders im Geschmack, fluffig auf der Zunge und so leicht in der Herstellung, dass es sogar mir auch Wochen nach dem Kochkurs und ohne professionelle Anleitung gelingt. Und so geht’s: Öl in einer Pfanne erhitzen. Kurz bevor es kocht, peu à peu Mehl dazugeben und rühren, bis das Mehl alles Öl aufgesogen hat. Pekmez, Zucker und Milch miteinander vermischen und zur Mehlschwitze geben, rühren bis die Konsistenz sämig ist, dann auf einen Teller geben und mit Hilfsutensilien, etwa einer Löffelspitze, verzieren. Sobald Aside ausgekühlt ist, kann man es in Stücke schneiden und pur oder mit Kaymak servieren.

Afiyet olsun!

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